Dienstag, 17. April 2012

Brettspiel gegen den Imperator

Willkommen zurück, in der Welt eines komplett normalen Normalos, der erneut versuchen wird, seine eigenen Gedanken und Geschichten zu sammeln und sie halbwegs verständlich vorzutragen. Auch heute dreht sich das Thema über Nichts, das von irgendeiner Relevanz für eure eigenen Leben wäre. Außer vielleicht der, euren Freunden Morgen von dem eigenartigen Typen zu erzählen, der im Internet seine eigenartigen Geschichten postet.

Aber ich bin nicht hier, um weiter zu erklären, dass das, was ich gleich schreiben werde, unnötig ist, sondern um einfach ein bisschen frei im Kopf zu werden. So viele Gedanken, die einfach wieder und wieder an die Oberfläche sprudeln. Langsam wird es immer schwerer sie zu unterdrücken. Ich werde einfach wieder aus meiner Vergangenheit erzählen. Aus der nicht allzu entfernten Vergangenheit.
Vorgestern.

An diesem Tag war meine geliebte, meist sehr schlecht gelaunte Oma bei uns zu Besuch. Sie ist wirklich eine Großmutter wie sie im Buche steht. Kurze weiße Haare, unzählige Fältchen, zwei Stricknadeln in den Händen und eine freundliche, aber nicht ganz unanstrengende Art und Weise.
Und da wo Oma ist, ist Opa auch nicht weit. Mein Großvater ist in nicht wirklich das, was man sich unter einem 'Opa' vorstellt. Er färbt sich seine eigentlich fahlen Strähnen braun ein - dadurch wirkt er fast zehn Jahre jünger - und er ist groß, sehr groß. Fast zwei Meter, dünn - fast schlaksig - und eine dicke Hornbrille, die immer auf seiner Hakennase sitzt.
So nun habt ihr einen kleinen Einblick in meine Familie bekommen - mehr kriegt ihr vorerst nicht - was weder hilfreich noch irgendwie nötig gewesen wäre, aber ich hatte Lust darauf.

Gut, also meine Großeltern waren zu Besuch. Meine Großmutter saß, wie immer, auf dem Sofa im Wohnzimmer, da die 'harten' Sessel beim Esstisch ihr nicht gut taten. Opa musste folglich neben ihr sitzen, auch wenn er unser Sofa nicht leiden konnte - übrigens, auch unser Sofa besitzt einen Namen, doch diesen werdet ihr früher oder später erfahren.
Und wie sie so harmlos dasaßen dachte ich mir, dass sie vielleicht Lust und Laune auf ein Spiel hätten. Genauer gesagt ein Brettspiel. Und wenn man so genau wurde, wie man genau nur werden konnte, dann redete man von 'Mensch-ärgere-dich-nicht'. Um das anzumerken, ich liebe dieses Spiel und könnte es vermutlich den gesamten Tag spielen, ohne Pause und ohne einen Schluck Wasser zu trinken. Und das, obwohl ich ein verdammt schlechter Verlierer bin. Ein Fakt, den ich lieber verbergen möchte, aber er ist wahr. Ich bin viel zu ehrgeizig, um zu verlieren und damit zufrieden zu sein. Selbst bei Brettspielen wie Mensch-ärgere-dich-nicht.
Und ich kenne keine bessere Brettspielerin als meine Oma. Sie gewinnt alles und immer. Von Monopoly über Dame und weiter zu Schach. Sie gewinnt immer und überall, gegen jeden. Das war schon mit ein Grund, warum kaum jemand noch mit ihr spielen wollte. Verlieren ist -bei den meisten Leuten- einmal okay, aber zweimal, dreimal und manchmal sogar viermal hintereinander ist dann doch sehr demotivierend.

Aber wie mein kleiner Kopf so tickt, frage ich freundlich, ob vielleicht jemand Mensch-ärgere-dich-nicht spielen möchte. Meine Großmutter ist sofort dabei, meine Mutter wollte auch gerne mitmachen und Opa war zwar nicht sonderlich interessiert, aber er meinte, dass wir das Spiel nicht einfach nur zu Dritt spielen könnten, wenn doch für vier Spieler Platz wäre.
Und so saßen wir um das kleine Brettchen und starrten auf die Würfel. Die Farben waren aufgeteilt wie folgt:
Meine Oma hatte sich Blau gekrallt, weswegen ich mir Grün schnappte, meine Mutter auf Rot bestand und Opa - wie so oft - das unliebsame Gelb spielen musste.
Und nun musste entschieden werden, wer denn als Erster würfeln durfte. Das war ein ziemlich gruseliger Moment gewesen: Denn, wer auch immer zuerst nach den Würfeln griff, war der Voreilige, der sicherlich verlieren würde. Aber wenn man gar nicht nach den Würfeln griff, würde 1. Das Spiel nicht los gehen und 2. Würde niemand jemals irgendwie verlieren können. Freundlich wie ich war, griff ich rasch nach den Vierecken, handelte mir einen beleidigten Blick meiner Mutter und ein gemurmeltes, "Dann wissen wir ja, wer verlieren wird", von meiner Großmutter ein. Opa seufzte bloß erleichtert.

Natürlich bekam ich keine Sechser. Weder beim Ersten Durchgang, noch beim Zweiten. Auch der Dritte und Vierte halfen mir nicht weiter. Ich musste meiner kleinen grünen Männchen weiterhin stehen lassen. Die anderen zogen unterdessen wie wild übers Feld, kickten sich aus den Reihen und warfen sich tödliche Blicke zu. Erst als meine Großmutter schon eine Figur in in Sicherheit gebracht hatte, durfte ich den Anfangspunkt verlassen.
"Wir sind ja richtig stürmisch heute, nicht wahr, Junge?", warum nennt man mich eigentlich immer Junge? Ich besitze einen Namen, auf den man stolz sein kann und darf. Meine Oma war zwar alt, aber nicht alt genug, um meinen Namen einfach zu vergessen. Das war noch nicht möglich, zumindest nicht bei uns. Großeltern waren in unserer Familie mit einem scharfen Verstand und langjähriger Erfahrung im Kochen ausgestattet, der sie schier unbesiegbar machte. Ich stellte mir meine Oma immer als furchtbaren Imperator vor, fast so wie in Star Wars. Nur das sie keine Blitze durch die Gegend schießt, sondern Stricknadeln. Sie hatte das zwar nie getan, aber es war dennoch eine furchterregende Vorstellung.
Mein Opa wäre hingegen eher C3PO, der goldene Roboter, der seinen eigenen Charakter besitzt und im Prinzip so gut wie nie Einspruch gegen ein Urteil erhebt, auch wenn alles prinzipiell als 'furchtbar' oder 'höchst sonderbar' angesehen wird.
Wenn jemand also ein alternatives Ende für Star Wars sucht, hier hätten wir eines. Der Imperator heiratet C3PO, beginnt zu Stricken und lebt glücklich bis an sein Lebensende. Wie einfach das alles sein kann, wenn es nicht realistisch ist.

Aber ich schweife ab. Immerhin wollte ich von dem unepischen Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel berichten. Ich würfelte also erneut, sobald ich wieder dran war und warf meinen Großvater aus dem Rennen. Er zog bloß eine Augenbraue hoch. Anscheinend sah meine Großmutter das als einen persönlichen Angriff, denn kaum, dass sie wieder an der Reihe war, flog auch mein Figürchen schon wieder raus. Während ihres kurz darauf siegreich ins Haus marschierte.
Daraufhin musste ich erneut Sechser würfeln. Eine Unmöglichkeit, die die Würfeln einfach nicht hin bekamen.  Oder ich war unfähig genug, um wirklich nur Einser, Zweier, Dreier, Vierer und Fünfer zu würfeln. Oder aber es war wirklich das Schicksal des Voreiligen zu Verlieren. Immerhin hatte ich die Würfel geschnappt, ohne, dass mich jemand dazu aufgefordert hätte - in dem Fall hätte derjenige dann höchstwahrscheinlich verloren, was aber noch nicht ganz klar entschieden ist.
Gut, meine Großmutter gewann schließlich, wie erwartet. Sie streckte beide Arme in die Luft und fuchtelte glücklich mit ihnen herum. Warum freute man sich, wenn man andauern gewann? Was hatte das für einen Sinn? Nun, das Spiel endete in einem unepischen Finish.
Meine Mutter hatte 2 Figuren in ihrem Haus, Oma - wie erwähnt - alle. Mein Großvater hatte ebenfalls zwei Figuren geschafft und ich war nicht einmal dazu fähig gewesen, auch nur eine einzige Figur am Feld zu halten. Falls ich jemals der Kommandant einer Kompanie werden sollte, werde ich vermutlich nach zwei Wochen gefeuert, da ich die Männer einfach nicht aus dem Haus bekomme ...

Tja, auf das Verlieren folgte die schlechte Laune, die auch durch darauf folgendes Kuchen backen nicht vollends verschwunden war. Ja, ich bin ein Kerl der gerne - und manchmal sogar ganz gut - bäckt. Ich mag vor allem Torten und Kuchen, aber Muffins sind auch in Ordnung. Diesmal war es ein einfacher Obstkuchen, bei dem man den Boden schon fertig im Supermarkt kaufen kann.
Als das Gute Stück fertig war, wollten natürlich alle ein Stück haben. Ich durfte aufteilen. Aus Rache - auch wenn diese Erbärmlich ist, wie ich im Nachhinein feststellen muss - habe ich meiner Oma nur ein kleines Stückchen gegeben. Nicht so klein, dass sie sich darüber aufregen kann, aber auch nicht so groß wie das er anderen. Und fair, wie das Schicksal nun einmal war, musste Suppentopf - wir kennen ihn aus dem vorigen Post - unbedingt auf meinen Schoß springen, als ich gerade einen Bissen des Kuchens machen wollte. Die Gabel fiel zu Boden und der Rest des Kuchens auf mich und meine - übrigens neue - Hose, die das mit einem hinterhältigen Flecken-kriegen quittierte. Natürlich nutzte Suppentopf diese Chance und schnappte sich ein Stückchen des Kuchens und verschwand damit unter unser Sofa, um es dort in Ruhe auffressen zu können. Auch wenn man es nicht glaubt, dieser Kater ist doch recht intelligent.
Nachdem ich alles aufgewaschen hatte, waren meine Großeltern auch endlich wieder bereit zu Gehen. Mein Opa klopfte mit, wie jedes Mal, wenn er wieder nach Hause ging, zweimal kräftig auf die Schulter. Oma hingegen ließ sich jedes Mal etwas Neues einfallen, womit sie mich sticheln konnte. Diesmal kniff sie mir in die Wange und meinte, "Und das nächste Mal lasst du die Würfel in Ruhe, sonst gewinnst du nie irgendwas, du Tollpatsch." Ich grinste gezwungen. Wenn es nicht meine Oma gewesen wäre, hätte ich so einige Kommentare gewusst. Aber dem Imperator widersprach man nicht.

Noise Ende

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